Léo Ferré

Weder Herr, Noch Meister Dein Stil Rotterdam Kleine Richard Mit der Zeit Das Zimmer Das Traurige Lied Das Idol Die Anarchisten Das rote Plakat Armer Rutebeuf Pariser Flamenco Wie in Ostende Die alten Kumpel Wenn du mich liest Danke Satan Der Brief

Der Brief


Dein Schatten liegt hier, auf meinem Tisch,
und ich könnte Dir noch nicht einmal sagen,
wie die künstliche Sonne der Lampe damit klarkommt.
Ich weiß, daß Du hier bist
Du hast mich nie verlassen, nie.
Tief in meinem Innersten bist Du,
in meinem Blut. Du fließt in meinen Venen,
durchströmst mein Herz
und reinigst Dich in meinen Lungen.
Ich halte Dich, ich trinke Dich,
ich lebe Dich und ich durchdringe Dich...
und das ist gut so.
Ich bringe Dir heute abend mein Kind
aus vergangener Zeit. Jenes Kind,
das ich mir selbst zeugte.
Es ist wie ich, es ist wie Du
und es entsteigt Deinem Bauch:
Deinem Bauch, der in meinem Kopf ist.
Du bist die Schwester, die Tochter,
die Gefährtin und die Glucke dieses
feurigen Gottes, der unsere gemeinsamen Nächte würzt,
seit wir sie miteinander teilen.
Ich liebe Dich, liebe Dich.
Mir ist, als hätte man mich aus Dir geschaffen
und Dich aus mir.
Deine Worte sind wie Melodien,
Mit meinen Melodien spreche ich zu Dir.
Wir stammen beide aus einer anderen Welt.
Keiner weiß darum.
Sterbe ich, wirst Du nur noch auf Abruf leben können,
Kein Augenblick mehr wird Dir gehören.
Du wirst die meine sein
über den Fluß hinweg, der uns trennen wird.
Und ich werde Dich rufen.
Und Du wirst kommen.
Stirbst Du (zuerst), wirst Du es sein, die mich ruft.
Ich bin Dein Leben, bin Dein Leiden,
Deine Freude und Dein Tod.
Ich sterbe in Dir... und aus unser
beider Tod wird neues Leben entstehen,
ein einziges... so wie zwei Sterne, die
sich begegnen, es seit jeher tun,
... verschmelzen, zu ewiger Ekstase.
Das, was Du tust ist gut, weil Du mich liebst,
Das, was ich tue ist gut, weil ich Dich liebe.
An diesem Tag, zu dieser Stunde,
für immer, Meine Liebe, Meine Liebe.

traduction Oliver Schwehm / Erich Meier

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